Eine neue Studie aus April 2024 in JAMA kommt zum Ergebnis, dass bei vorgeburtlicher Exposition mit Paracetamol während der Schwangerschaft kein erhöhtes Risiko bei den Kindern für Autismus, ADHS oder geistige Behinderung aufgedeckt werden kann. Der Artikel dokumentiert die umfangreiche internationale Besorgnis, dass der vorgeburtliche Einsatz von Paracetamol gefährlich sein kann. Die Besorgnis stützt sich auf eine Vielzahl von umfangreichen Studien der letzten Jahre. Diese haben zu einer Empfehlung in der Zeitschrift Nature und öffentlichen Aufruf von renommierten Ärzten und Wissenschaftlern aus aller Welt geführt, Paracetamol in der Schwangerschaft mit größter Vorsicht einzusetzen.

Lesen Sie bitte dazu: https://www.nature.com/articles/s41574-021-00553-7

Hier die Übersetzung der Zusammenfassung: “Paracetamol (N-Acetyl-p-Aminophenol (APAP), auch bekannt als Paracetamol) ist der Wirkstoff in mehr als 600 Medikamenten, die zur Linderung von leichten bis mäßigen Schmerzen und zur Fiebersenkung eingesetzt werden. APAP wird häufig von Schwangeren eingenommen, da die Behörden, einschließlich der FDA und der EMA, APAP seit langem als geeignet für die Verwendung während der Schwangerschaft ansehen, wenn es wie vorgeschrieben verwendet wird. Zunehmende experimentelle und epidemiologische Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass eine pränatale Exposition gegenüber APAP die fetale Entwicklung verändern könnte, was das Risiko einiger neurologischer, reproduktiver und urogenitaler Störungen erhöhen könnte. Wir fassen diese Erkenntnisse zusammen und rufen dazu auf, durch gezielte Forschungsanstrengungen und die Sensibilisierung von Angehörigen der Gesundheitsberufe und schwangeren Frauen Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. APAP ist ein wichtiges Medikament, und die Alternativen zur Behandlung von hohem Fieber und starken Schmerzen sind begrenzt. Wir empfehlen, schwangere Frauen zu Beginn der Schwangerschaft zu warnen: auf APAP zu verzichten, es sei denn, seine Verwendung ist medizinisch indiziert; einen Arzt oder Apotheker zu konsultieren, wenn sie unsicher sind, ob die Verwendung indiziert ist, und bevor sie es langfristig verwenden; und die Exposition zu minimieren, indem sie die niedrigste wirksame Dosis für die kürzest mögliche Zeit verwenden. Wir schlagen spezifische Maßnahmen zur Umsetzung dieser Empfehlungen vor. Diese Konsenserklärung spiegelt unsere Bedenken wider und wird derzeit von 91 Wissenschaftlern, Klinikern und Gesundheitsexperten aus aller Welt unterstützt.”

Die Hauptergebnisse werden in folgenden Abbildungen zusammengefasst:

Abb. 1: In-vivo-, in-vitro- und ex-vivo-Studien haben gezeigt, dass N-Acetyl-p-Aminophenol (APAP) direkt hormonabhängige Prozesse stört, was bei beiden Geschlechtern zu einer gestörten Fortpflanzungs- und Neuroentwicklung führt. Bei Nagetieren wurde experimentell nachgewiesen, dass eine fetale Exposition zu Fortpflanzungsstörungen im männlichen Urogenitaltrakt führt, einschließlich Anomalien der Hodenfunktion, Anomalien der Spermien und des Sexualverhaltens. Experimente haben gezeigt, dass die Entwicklung der weiblichen Eierstöcke gestört ist, was zu einer verringerten Anzahl von Eizellen und einer anschließenden frühzeitigen Eierstockinsuffizienz und damit zu einer verminderten Fruchtbarkeit führt. Die fetale APAP-Exposition führt nachweislich zu Veränderungen der Neurotransmission im Gehirn, die sich in veränderten kognitiven Funktionen, Verhalten und Bewegungsabläufen äußern. Die Studien haben gezeigt, dass die Wirkung von APAP vom Zeitpunkt der Exposition in Bezug auf bestimmte Entwicklungsprozesse und die Dauer sowie die Dosis abhängig ist. AGD, anogenitaler Abstand. Quelle: Bauer, A.Z., Swan, S.H., Kriebel, D. et al. Paracetamol use during pregnancy — a call for precautionary action. Nat Rev Endocrinol 17, 757–766 (2021). https://doi.org/10.1038/s41574-021-00553-7

 

Abb. 2. Beobachtungsstudien am Menschen deuten darauf hin, dass eine pränatale N-Acetyl-p-Aminophenol (APAP)-Exposition bei beiden Geschlechtern sowohl mit Reproduktions- als auch mit neurologischen Verhaltensanomalien in Verbindung gebracht werden kann. Eine APAP-Exposition während der Schwangerschaft könnte das Risiko für Anomalien des männlichen Urogenital- und Reproduktionstrakts erhöhen, da Studien ein erhöhtes Risiko für einen Hodenhochstand (Kryptorchismus) und einen verringerten Abstand zwischen dem Anus und der Peniswurzel, der als anogenitaler Abstand (AGD) bezeichnet wird, festgestellt haben. Sowohl der reduzierte AGD als auch der Kryptorchismus sind Indikatoren für eine gestörte Vermännlichung und Risikofaktoren für Fortpflanzungsstörungen im späteren Leben. Pränatale APAP-Exposition wurde auch mit einer früheren weiblichen Pubertätsentwicklung in Verbindung gebracht. Darüber hinaus deuten epidemiologische Studien übereinstimmend darauf hin, dass eine pränatale APAP-Exposition das Risiko für negative Auswirkungen auf die neurologische Entwicklung und das Verhalten erhöhen kann, wie z. B. Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Autismus-Spektrum-Störung, Sprachverzögerung (bei Mädchen) und verminderter Intelligenzquotient. Insgesamt deuten die Studien darauf hin, dass der Zeitpunkt und die Dauer der mütterlichen APAP-Einnahme entscheidende Faktoren sind. Quelle: Bauer, A.Z., Swan, S.H., Kriebel, D. et al. Paracetamol use during pregnancy — a call for precautionary action. Nat Rev Endocrinol 17, 757–766 (2021). https://doi.org/10.1038/s41574-021-00553-7

Die neue Studie aus April 2024 in JAMA kommt zum Ergebnis, dass bei Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft kein erhöhtes Risiko der Kinder für Autismus, ADHS oder geistige Behinderung in Verbindung aufgedeckt werden kann. Die Studie stellt in mehrerlei Hinsicht keine Entwarnung dar. Sie wurde retrospektiv durchgeprüft bei Frauen, denen in der Schwangerschaft Paracetamol verschrieben wurde und dies ärztlich dokumentiert wurde. Unbekannt sind die Daten von Frauen, die über Selbstmedikation Paracetamol eingenommen haben. Studien gehen davon aus, dass dies bis zu 60% der Frauen während der Schwangerschaft selbstständig tun. Außerdem wurden lediglich Auswirkungen auf Autismus, ADHS und geistige Behinderung geprüft. Hier wurde festgestellt, dass man keine Auswirkungen aufdecken konnte. Etwas nicht zu finden, bedeutet jedoch nicht, dass man das ausschließen kann, was in zahlreichen anderen Studien gefunden wurde. Die Autoren sagen daher selbst für Paracetamol: „Die Ergebnisse sollten nicht als Maßstab für die Sicherheit interpretiert werden. Die Dosis in dieser Studie spiegelte nur die verschriebenen Medikamente wider, nicht aber die tatsächliche Einnahme dieser Medikamente oder die Einnahme rezeptfreier Arzneimittel.“ Information der vorgeburtlichen Exposition von Paracetamol auf die spätere Fortpflanzungsfähigkeit, genitale Missbildungen, Allergien, Asthma u.a. thematisieren die Studiendaten nicht. Gerade vor solchen Risiken wird u.a. aber bei vorgeburtlicher Exposition von Paracetamol gewarnt.

Die mittlerweile umfangreich belegten Risiken von Paracetamol in der Schmerztherapie bei weitgehender Unwirksamkeit gerade bei alltagsrelevanten Schmerzursachen dürfen nicht verharmlost werden und gar den Schwangeren die erforderlichen Informationen zur informierten freien Entscheidung vorenthalten werden. Paracetamol wird ohne Zulassung off-Label bei Schwangeren zur Behandlung gerade von schweren Migräneanfällen empfohlen, eine Maßnahme, die man außerhalb der Schwangerschaft kaum vornehmen würde. Es ist bedrückend genug, dass Schwangeren früher diese Fakten nicht bekannt waren. Umso wichtiger ist es, dass sie öffentlich werden und in die Versorgung eingehen. Die Sorge, dass durch die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft lebenslange Risiken für die Kinder bedingt sind, ist aufgrund der aktuellen Datenlage sehr umfangreich begründet. Auch wenn die Folgen für das ungeborene Leben noch nicht in allen möglichen Details geklärt sind, muss bei einem für die häufigsten Schmerzen im Alltag weitgehend ineffektiven Medikament mit möglichen lebenslangen Konsequenzen für das Kind erwogen werden: Nimm es besser nicht! Es gibt Alternativen in der Schmerztherapie. Es ist Zeit, umzudenken.

Bauer, A.Z., Swan, S.H., Kriebel, D. et al. Paracetamol use during pregnancy — a call for precautionary action. Nat Rev Endocrinol 17, 757–766 (2021). https://doi.org/10.1038/s41574-021-00553-7

Ahlqvist VH, Sjöqvist H, Dalman C, et al. Acetaminophen Use During Pregnancy and Children’s Risk of Autism, ADHD, and Intellectual Disability. JAMA. 2024;331(14):1205–1214. doi:10.1001/jama.2024.3172

https://schmerzklinik.de/paracetamol-in-der-schwangerschaft-zeit-umzudenken/