Migräne und Kindheit

Epidemiologie

Migräne bei Kindern

Migräne bei Kindern

Über die Prävalenz der Migräne im Kindes- und Schulalter ist im Vergleich zum Erwachsenenalter nur wenig bekannt. In einer skandinavischen Studie, die Anfang der 1960er Jahre durchgeführt wurde, wird berichtet, dass die Migräneprävalenz bei 7- bis 9-jährigen Kindern 2,5 % beträgt, bei 10- bis 12-Jährigen 4,6 % und bei 13- bis 15-Jährigen 5,3 %. Diese Daten wurden durch neuere Studien auch in anderen Ländern im Wesentlichen bestätigt. Nähere Informationen über das Auftreten der Migräne bei Kindern im Vorschulalter liegen nicht vor, obwohl auch in diesem frühen Kindesalter Migräneattacken bestehen können.

Über Kopfschmerzen bei Kindern machte man sich in früheren Jahrhunderten wenig Gedanken. Es herrschte die Meinung, dass Kopfschmerzen bei Kleinkindern und Schulkindern kaum eine Rolle spielen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde erstmals ein Säugling beschrieben, der im Alter von zwei Wochen an zyklischem Erbrechen litt und bei dem später eine Migräne diagnostiziert wurde. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Arbeiten über Kopfschmerzen bei Kleinkindern im Alter von ein und mehr Jahren publiziert. In der Regel zeigte sich, dass Kopfschmerzleiden im 2. und 3. Lebensjahr bereits ihren Anfang finden. Aus einer Untersuchung an Londoner Kindern ist bekannt, dass 4 % der Mütter von 3 Jahre alten Kindern berichten, dass derzeit bei ihren Kindern Kopfschmerzen ein Problem darstellen.

Auftreten von Kopfschmerzen bei Kindern

–       Über Kopfschmerzen in der Vergangenheit wird bei 8 % der Kinder berichtet.

–       Wiederkehrend auftretende Kopfschmerzen sind bei 3 % der Kinder vorhanden.

–       Auch aus Untersuchungen in anderen Ländern ist bekannt, dass zwischen 3 % und 4 % der Kinder im Lebensalter von drei Jahren bereits an Kopfschmerzen leiden.

–       Aus einer großen finnischen Studie an über 5.000 Kindern wurde gezeigt, dass bis zum 5. Lebensjahr bereits 19,5 % der Kinder an Kopfschmerzen mit großem Leidensdruck erkrankt waren.

Dabei zeigen sich eine hohe Kopfschmerzfrequenz bei 0,2 %, eine mittelgroße Kopfschmerzfrequenz bei 0,5 %, eine geringe Kopfschmerzhäufigkeit bei 4,3 % und gelegentliche Kopfschmerzen bei 14,5 %. Interessanterweise konnte in dieser Untersuchung auch eine Reihe von Prädiktoren für das Auftreten von kindlichen Kopfschmerzen aufgedeckt werden.

Ein geringer Wohnungsstandard, ein niedriger ökonomischer Status der Familie, eine Ganztagskindergartenunterbringung und eine große Zahl von Freizeitaktivitäten sind mit größerem Kopfschmerzrisiko im Kindesalter verbunden.

Das Auftreten von Bauchschmerzen war um das Neunfache bei Kindern erhöht, die gelegentlich an Kopfschmerzen litten, und um das Vierzehnfache bei den Kindern, die mit mittlerer Häufigkeit an Kopfschmerzen litten.

Aus finnischen Studien ist bekannt, dass mit der Einschulung die Kopfschmerzprävalenz drastisch ansteigt. Bereits im ersten Schuljahr geben 39 % der Kinder an, an Kopfschmerzen zu leiden. 1,4 % der Kinder im ersten Schuljahr erfüllten die Kriterien der Migräne.

Diese Ergebnisse wurden in einer großen Studie aus dem Jahre 1955 in Schweden (Uppsala) erhoben. Während im Jahre 1955, als die erste Untersuchung durchgeführt wurde, eine Migräneprävalenz von 1,4 % aufgezeigt wurde, zeigte sich in einer vergleichbaren Studie im Jahre 1976 eine Migräneprävalenz von 3,2 und schließlich im Jahre 1994 bereits eine Migräneprävalenz von 5,7 % bei Kindern im 7. Lebensjahr.

Aus diesen Zahlen ergeben sich Hinweise, dass die Inzidenz der Migräne im Laufe der Jahrzehnte offensichtlich bei Schulkindern stark angestiegen ist.

Im Schulalter ergibt sich mit zunehmendem Anstieg des Lebensalters in dieser schwedischen Untersuchung auch eine zunehmende Prävalenz von Kopfschmerzen. Bei Kindern im Alter zwischen 7 und 15 Jahren zeigt sich eine Kopfschmerzprävalenz von 58,7 %. 3,9 % der Kinder dieser Altersgruppe erfüllen die Kriterien der Migräne. In Studien anderer Länder finden sich sehr ähnliche Daten.

Aus einer deutschen Studie, die im Jahre 1994 von der Arbeitsgruppe um Pothmann an über 5.000 Schulkindern durchgeführt wurde, ergibt sich, dass über 52 % der Schulkinder an Kopfschmerz vom Spannungstyp und 12 % an Migräne leiden (Pothmann et al. 1994). Bereits zur Einschulung sind über 10 % der Kinder an Kopfschmerzen von nennenswertem Leidensdruck erkrankt. Im Laufe der verschiedenen Schuljahre erhöht sich diese Häufigkeit auf über 90 % der Kinder. 49 % leiden an Kopfschmerz vom Spannungstyp, 6,8 % an Migräne mit Aura und 4,5 % an Migräne ohne Aura.

Aus einer finnischen Studie ergeben sich sehr ähnliche Zahlen: Bei den finnischen Schulkindern zeigten sich bei 71 % der Mädchen und bei 65 % der Jungen im 14. Lebensjahr Kopfschmerzen von erheblichem Ausmaß. Bei den Jungen erfüllten 6,7 % und bei den Mädchen 13,8 % die Kriterien der Migräne.

Insgesamt zeigte sich im 14. Lebensjahr eine Migräneprävalenz von 10,2 % in dieser Stichprobe.

Während bei der Einschulung die Kinder mit Kopfschmerzen die Minderheit darstellen, ändert sich das Bild bei den 14-Jährigen grundlegend. Hier stellen die Kinder, bei denen Kopfschmerzen kein Problem darstellen, die Außenseitergruppe dar. Im weiteren Teenageralter bleibt das Bild dann konstant. Etwa ein Drittel der Jugendlichen haben mit Kopfschmerzen keine Probleme, die Hälfte der Jugendlichen leidet gelegentlich an Kopfschmerzen, und der Rest leidet häufig an Kopfschmerzproblemen.

Interessanterweise ergeben sich auch während des Schulalters Veränderungen in der Geschlechtsverteilung hinsichtlich des Auftretens von Kopfschmerzen. Während des ersten Schuljahres findet sich ein leichtes Überwiegen der Kopfschmerzprävalenz bei den Jungen. Während des 14. Lebensjahres dagegen kehrt sich das Bild um, und es zeigt sich ein leichtes Überwiegen der Kopfschmerzprävalenz bei den Mädchen. Dieses Überwiegen steigt dann kontinuierlich bis zum 20. Lebensjahr an, und ca. doppelt so viel Mädchen wie Jungen geben zum 20. Lebensjahr an, an Kopfschmerzen mit erheblicher Behinderung zu leiden.

Neben dieser Veränderung hinsichtlich der relativen Prävalenz ergeben sich auch Verlaufsunterschiede zwischen und innerhalb der Geschlechtsgruppen. Ist die Migräne bereits bis zum 7. Lebensjahr aufgetreten, zeigt sich bei den betroffenen Jungen eine größere Wahrscheinlichkeit für eine Reduktion der Migräneattacken. Bei 22 % der Jungen kommt es zu einer teilweisen oder vollständigen Remission der Migräne, während nur 9 % der Mädchen, bei denen die Migräne bis zum 7. Lebensjahr erstmalig in Erscheinung getreten ist, eine entsprechende Remission aufweisen. Anders sieht die Situation jedoch aus, wenn Kinder betrachtet werden, bei denen die Migräne erstmalig im Lebenszeitraum zwischen dem 8. und 14. Lebensjahr aufgetreten ist. 51 % der Jungen und 62 % der Mädchen dieser Gruppe haben noch im späteren Lebensalter eine klinisch manifeste Migräne.

Kopfschmerzen und mögliche Auswirkungen auf einen Drogenmissbrauch

–       Nach Untersuchungen der Aktion „Gläserne Schule“ in Schleswig-Holstein (Institut für Suchtprävention und angewandte Psychologie, Bremen) aus dem Jahre 1995 gehören Kopfschmerzen zu den Hauptgesundheitsproblemen von Kindern im Schulalter.

–       Bei einer repräsentativen Befragung an Schulen stellte sich heraus, dass je nach Schultyp zwischen 20 % und 40 % der Schüler als wichtiges und hartnäckiges Gesundheitsproblem Kopfschmerzen angeben. Erschreckenderweise ergaben sich aus dieser Befragung auch eindeutige Hinweise dafür, dass Kopfschmerzen einen wesentlichen Grund für die Entstehung von Suchtverhalten und Drogenmissbrauch darstellen.

–       Durch den Behinderungsdruck, den die Kopfschmerzen verursachen, können die Kinder für das Ausprobieren von Drogen empfänglich werden und versuchen, durch diese eine Befindlichkeitsverbesserung zu erzielen.

–       Spezielles Wissen zur Kopfschmerzbehandlung und Kopfschmerzvermeidung scheint eine große Bedeutung in der Verhinderung von Drogenabhängigkeit bei Kindern zu haben!

Die Frage, ob Kopfschmerzen in unserem Jahrhundert zugenommen haben, war bis vor kurzem nicht geklärt. In Finnland wurde im Jahre 1992 eine Studie zur Migräneprävalenz in nahezu allen Details so wiederholt, wie sie bereits im Jahre 1974 in der gleichen Region durchgeführt wurde. Es wurden dabei 7-jährige Schulkinder untersucht.

Es zeigte sich, dass im Jahre 1992 51,5 % der Kinder bereits an Kopfschmerzen gelitten haben, während im Jahre 1974 nur 14,6 % der Kinder eine entsprechende Kopfschmerzproblematik angaben. Das Bestehen von häufigen Kopfschmerzen, d.h. von mindestens einer oder mehr Attacken pro Monat, wurde im Jahre 1992 von 11,7 % der Kinder mit „Ja“ beantwortet, während eine entsprechende Kopfschmerzhäufigkeit im Jahre 1974 nur von 4,7 % der Kinder angegeben wurde. Bei einem geschlechtsspezifischen Vergleich zeigt sich insbesondere, dass die Kopfschmerzzunahme gerade bei Jungen besonders stark zu beobachten ist.

Die Zahlen belegen dramatische Anstiege in der Kopfschmerzprävalenz im Kindesalter. Die Autoren der finnischen Studie gehen davon aus, dass eine instabile soziale Umwelt, häufige Umzüge, mangelnde Selbstbestimmung in der sozialen Gemeinschaft, Unsicherheitsgefühle in der Familie und in der Schule und die mangelnden Führungspersonen für dieses Ansteigen der Kopfschmerzprävalenz verantwortlich gemacht werden müssen.

Als Schlussfolgerung aus diesen Daten muss gezogen werden, dass pädagogische Maßnahmen als auch inhaltliche Anforderungen im Schulunterricht überdacht werden müssen. Ebenso wie Anfang des 20. Jahrhunderts erkannt wurde, dass zur Zahngesundheitserhaltung in den Schulen gelehrt werden muss, wie man Zähne putzt und sich gesund ernährt, ebenso wie zum gleichen Zeitpunkt verstärkt Aufmerksamkeit auf Sportunterricht gelenkt wurde, um die physische Gesundheit aufrechtzuerhalten, so muss heute besonders die Gesunderhaltung des Nervensystems in den Schulen beachtet werden.

Dazu gehören zumindest ein frühes Erlernen eines Entspannungstrainings, das regelmäßig geübt werden sollte, Techniken zur Stressbewältigung, Informationen zur Gestaltung eines regelmäßigen Tagesablaufes, arbeitspsychologische Unterweisung, Gesundheitslehre hinsichtlich einer adäquaten Ernährung und Schlafhygiene. Diese Maßnahmen wären einfach durchzuführen. Aufgrund der bekannten Pathophysiologie von Kopfschmerzen kann erwartet werden, dass damit ein positives Eingreifen in den stetigen Anstieg der Kopfschmerzprävalenz im Schulalter möglich wäre.

Diagnostische Kriterien

Frühe Prävalenzstudien im Kindesalter nutzten die diagnostischen Kriterien von Vahlquist aus dem Jahre 1955 (Vahlquist 1955). Vergleichende Untersuchungen mit dem Kriteriensatz von Vahlquist und dem Kriteriensatz der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft für die Diagnostik der Migräne zeigen, dass 70 % der Kopfschmerzpatienten sowohl die Kriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft als auch die Kriterien nach Vahlquist erfüllen, 80 % erfüllen die Kriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft und 90 % der Betroffenen erfüllen die Kriterien nach Vahlquist. Damit zeigt sich, dass die Übereinstimmung der zwei Definitionssysteme relativ groß ist. Die alte Definition nach Vahlquist weist jedoch eine größere Sensitivität für Migräne auf.

In der Klassifikation der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft können Kopfschmerzattacken bei Kindern, die eine Dauer von weniger als vier Stunden aufweisen, als Migräneattacken klassifiziert werden.

Aus neueren Untersuchungen ist bekannt, dass die Attackendauer bei Kindern die Effektivität der Therapie der Migräneattacke wenig beeinflusst, d.h., dass, unabhängig ob die Attacke im Spontanverlauf vier oder zwei Stunden dauert, gleiche Therapieeffekte erzielt werden können. Insofern scheint eine exakte Festlegung der Attackendauer bei Kindern von geringerer therapeutischer Relevanz zu sein. Ob dies bei Erwachsenen ebenso ist, wurde bisher nicht untersucht.

Die Erfassung der Kopfschmerzmerkmale bei Kindern gestaltet sich schwieriger als bei Erwachsenen. Dies hängt in erster Linie damit zusammen, dass eine genaue Symptomausdrucksmöglichkeit bei Kindern weniger vorhanden ist als bei erwachsenen Menschen. Kinder haben zudem erst unter einer geringen, überschaubaren Anzahl von Attacken gelitten und können einen charakteristischen Verlauf mit typischer Ausprägung der Merkmale noch nicht präzise angeben. Die Klassifikation der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft fordert in Abweichung vom Erwachsenenalter bei Kindern eine Kopfschmerzdauer bei unbehandeltem oder erfolglos behandeltem Verlauf von zwei bis 48 Stunden. Allerdings treten bei jungen Kindern auch Attacken auf, die noch kürzer als zwei Stunden andauern.

Da gerade bei neu auftretender Migräneerkrankung natürlich die erforderliche Anzahl der Migräneattacken, nämlich mehr als fünf, noch nicht erfüllt ist, kann bei einer Erstdiagnose im Kindesalter häufig zunächst nur die Diagnose einer migräneartigen Störung gestellt werden. Erst der weitere Verlauf mit dem typischen Auftreten weiterer Attacken erfüllt dann das erforderliche Kriterium.

Da Kinder oft auch klare sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Migräneattacken nicht zur Verfügung haben, ist besonders bei der Diagnostik darauf zu achten, dass es sich um anfallsweise Kopfschmerzen handelt.

Entscheidend ist die entweder an das Kind oder an die Eltern gestellte Frage,

–       ob zwischen den einzelnen Attacken vollständige Kopfschmerzfreiheit besteht und die Kinder auch sonst gesund sind,

d.h. weder psychische noch physische Probleme aufweisen. Im Zusammenhang mit einem regelrechten allgemeinen und neurologischen Befund ist dann eine große Wahrscheinlichkeit gegeben, dass es sich tatsächlich um Migräneattacken handelt

Differenzialdiagnostisch ist jedoch bei diesem Vorgehen ein episodischer Kopfschmerz vom Spannungstyp nur schwer abzugrenzen. Im frühen Kindesalter ist dieser allerdings einerseits selten, andererseits ist die therapeutische Vorgehensweise bei beiden Kopfschmerzformen im Kindesalter noch sehr ähnlich.

Besonderheiten der klinischen Merkmale

Auch im Kindesalter gelten für die Migräne die gleichen diagnostischen Kriterien wie im Erwachsenenalter, jedoch mit der bereits genannten Ausnahme der kürzeren Attackendauer. Neben den bei Erwachsenen im Vordergrund stehenden Begleitstörungen gibt es jedoch bei Kindern noch zusätzliche Begleitstörungen, die ebenfalls von diagnostischer Bedeutung sein können:

–       So bestehen bei den betroffenen Kinder während der Attacke Tachykardie, Blässe oder Hautrötung, Befindensveränderungen, Durst, Appetit, Harndrang oder Müdigkeit. Sie können erhöhte Temperaturen aufweisen, können gähnen oder unruhig sein und geben auch in anderen Körperregionen Schmerzen an, insbesondere im Bereich des Bauches. Im Vordergrund stehen auch Störungen der Verdauungsorgane wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö und verstärkte Abwehrspannung der Bauchdecken.

–       Neurologische Aurasymptome können genauso wie bei Erwachsenen ausgeprägt sein und in der ganzen Vielfalt auftreten. Parallel zum Erwachsenenalter stehen besonders visuelle Störungen im Vordergrund. In der Literatur wird die Häufigkeit der visuellen Aura bei Migräneattacken im Kindesalter zwischen 9 % und 50 % angegeben. Weitere häufige Aurasymptome sind Paresen, sensorische Störungen und Sprachstörungen.

Prägnanztypen der Migräne in der Kindheit

Prinzipiell können in der Kindheit alle Formen der Migräne vorhanden sein, es zeigen sich jedoch manche Migräneaura-Abläufe in besonderen Prägnanztypen.

Neben der visuellen Aura findet sich in der Kindheit besonders die Basilarismigräne als häufige Ausdrucksweise der Migräneaura. Bei den Kindern treten neurologische Störungen in Form von beidseitigen Gesichtsfeldstörungen, Tonusverlust, Nystagmus, Doppelbildern, Dysarthrie und Bewusstseinsstörungen auf. Die Attacken treten zwar in der Regel mit großen zeitlichen Intervallen auf, können jedoch 24 bis 72 Stunden andauern. Gerade bei solchen neurologischen Begleitstörungen ist im Kindesalter eine sorgfältige Untersuchung durch einen Neurologen erforderlich.

Besonders stehen dabei differenzialdiagnostisch im Vordergrund: ein Tumor in der hinteren Schädelgrube, Medikamentennebenwirkungen (z.B. Antiemetika), mitochondriale Störungen und metabolische Erkrankungen.

Häufig zeigen sich aber auch Migräneauren durch Veränderungen des Affektes und der Kognition.

Bekannt sind insbesondere das sogenannte „Alice im Wunderland-Syndrommit akuten Verwirrtheitszustände.

Auch bei solchen Störungen sind strukturelle Läsionen sorgfältig auszuschließen.

Die familiäre hemiplegische Migräne ist eine besonders charakteristische Migräneauraform der Kindheit. Auch hier ist der anfallsweise Verlauf diagnostisch wegweisend. Diese Migräneform tritt extrem selten auf.

Migräneäquivalente

Migräneäquivalente sind definiert durch Auftreten von vegetativen oder viszeralen Störungen der Migräne, wobei jedoch die Kopfschmerzmerkmale fehlen. Wenn fokale neurologische Störungen auftreten, die die Kriterien der Migräneaura erfüllen, jedoch keine Kopfschmerzphase vorhanden ist, wird nicht von einem Migräneäquivalent gesprochen, sondern von einer Migräneaura ohne Kopfschmerz. Der Begriff Migräneäquivalent bezieht sich also allein auf die viszeralen und vegetativen Begleitmerkmale der Migräne ohne Aura.

Typischerweise besteht die Symptomatik in Übelkeit, Erbrechen, Unwohlsein, Darmbewegungen oder weiteren unspezifischen Symptomen. Treten solche Störungen periodisch auf, wie z.B. das zyklische Erbrechen, werden die Störungen besonders häufig mit Migräneattacken in Verbindung gebracht. Empirische Daten zum Zusammenhang zwischen diesen Äquivalenten einer Migräneattacke und der eigentlichen Migräne liegen jedoch nur sehr spärlich vor. In aller Regel handelt es sich auch nur um eine Ausschluss- oder Verlegenheitsdiagnose, wenn alle anderen Untersuchungen keine spezifische Ursache aufgedecken konnten. Bei entsprechenden Störungen sollte besonders sorgfältig nach gastrointestinalen Erkrankungen, metabolischen Störungen, epileptischen Syndromen, Hirntumoren, mitochondrialen Störungen und insbesondere auch nach psychischen Erkrankungen gefahndet werden.

Mögliche Vorläufersyndrome in der Kindheit

Gutartiger paroxysmaler Torticollis in der Kindheit

Bereits im Säuglingsalter können wiederholte Episoden eines Torticollis auftreten. Die Bewegungsstörungen remittieren im späteren Säuglingsalter, weshalb der Zusatz „gutartig“ begründet ist. Die Störung ist sehr selten. Nur bei einem geringen Teil der betroffenen Kinder werden die Torticollis-Episoden später von Migräneattacken abgelöst. Ob ein direkter Zusammenhang zwischen der Migräne und dieser Bewegungsstörung besteht, ist nicht endgültig geklärt. Die Pathophysiologie der Torticollis-Episoden im Säuglingsalter ist ebenfalls offen. Denkbar ist, dass es sich hier um Auraphasen im Rahmen von Migräneauren handeln könnte. Derzeit ist dazu jedoch keine definitive Aussage möglich.

Gutartiger paroxysmaler Schwindel in der Kindheit

Im Kindesalter können kurzzeitige, weniger als eine halbe Stunde andauernde schwere Schwindelepisoden auftreten, die häufig von Gesichtsblässe, Übelkeit und Erbrechen begleitet werden. Das Syndrom tritt deutlich häufiger auf als der gutartige paroxysmale Torticollis in der Kindheit. In der Regel remittiert diese Störung bis zur Einschulung. Auch die Pathophysiologie dieser Störung ist bisher unklar, der Zusammenhang mit der Migräne ist aufgrund des anfallsweisen Charakters und der Begleitstörungen anzunehmen.

Bewegungskrankheit

Eine erhöhte Anfälligkeit für Bewegungskrankheit im Kindesalter wird ebenfalls mit der Migräne in Zusammenhang gebracht. Empirische Daten für diesen Zusammenhang fehlen bis jetzt. Keinesfalls kann allein aufgrund einer Neigung zur Bewegungskrankheit die Diagnose einer Migräne begründet werden. Die mit Reisen verbundenen Aktivitäten können nicht nur zu einer Bewegungskrankheit führen, sondern ebenfalls Auslösebedingungen für Migräneattacken darstellen.

Auswahl apparativer Zusatzuntersuchungen

Die Indikation von Zusatzuntersuchungen wie EEG oder bildgebende Verfahren gestaltet sich ähnlich wie im Erwachsenenalter. Da aber aufgrund des Alters naturgemäß häufig eine nur kurze Anamnese des Kopfschmerzverlaufes anzutreffen ist, wird sich im Kindesalter oft die Situation ergeben, dass erstmalig eine Kopfschmerzdiagnose gestellt werden muss und der anfallsartige Verlauf der Kopfschmerzerkrankung sich aufgrund der kurzen zeitlichen Präsenz noch nicht dokumentiert.

Aus diesem Grunde muss bei den Kindern besonders sorgfältig das Vorliegen von Kopfschmerz bei einer strukturellen Läsion ausgeschlossen werden. Dies gilt insbesondere für eine kraniale Raumforderung. Besondere Aufmerksamkeit ist bei sehr jungen Kindern unter dem 6. Lebensjahr notwendig. Bis zu diesem Lebensalter sind primäre Kopfschmerzen deutlich weniger prävalent als im weiteren Lebensalter, und die Wahrscheinlichkeit für Kopfschmerzen in Verbindung mit strukturellen Läsionen ist deshalb im Vorschulalter deutlich größer als im späteren Lebensalter.

Aus diesem Grunde sollte die Regel beachtet werden, dass bei Kindern unter dem 7. Lebensalter mit dem erstmaligen Auftreten eines Kopfschmerzleidens ein bildgebendes Verfahren eingesetzt werden sollte. Aufgrund der fehlenden Strahlenbelastung ist vorzugsweise eine MRT zu veranlassen. In jedem Fall sollte ein bildgebendes Verfahren durchgeführt werden, wenn die Kinder zusätzlich durch einen Wachstumsverzug, Sehstörungen, Durst- oder Appetitveränderungen, affektive oder kognitive Symptome oder durch Störungen der Motorik auffällig werden.

Im Schulalter steigt die Prävalenz der primären Kopfschmerzerkrankungen rapide an. Aus diesem Grunde ist die Durchführung von bildgebenden Verfahren nur bei Abweichungen des allgemeinen und neurologischen Befundes indiziert. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Kopfschmerzerkrankung schon länger als sechs Monate anfallsartig besteht.

Indikationen für den Einsatz bildgebender Verfahren bei Kopfschmerzen im Kindesalter

Für die Durchführung bildgebender Verfahren in der Diagnostik von Kopfschmerzen im Kindesalter gelten prinzipiell die gleichen Regeln wie im Erwachsenenalter. Voraussetzung ist eine ausführliche Erhebung der Anamnese einschließlich einer exakten Erfassung der Kopfschmerzmerkmale der vorliegenden Kopfschmerzerkrankungen.

Zusätzlich sollte auch eine genaue Beschreibung des schulischen Leistungsverhaltens erhoben werden. Während bei Kindern im Vorschulalter mit einer kurzen Kopfschmerzanamnese die Durchführung eines bildgebenden Verfahrens regelmäßig veranlasst werden sollte, empfiehlt sich bei Schulkindern nur bei pathologischen Abweichungen des allgemeinen oder neurologischen Befundes die Veranlassung eines bildgebenden Verfahrens. Die Indikation für das bildgebende Verfahren wird auch durch folgende Merkmale begründet:

–       Veränderung des Kopfschmerzverlaufes mit Neuauftreten von neurologischen Störungen, Anstieg der Kopfschmerzfrequenz, Anstieg der Kopfschmerzintensität, Anstieg der Kopfschmerzdauer.

–       Mangelndes Ansprechen der Kopfschmerzattacken auf die eingeleitete Therapie.

–       Verzögerung des Wachstums, Zunahme des Kopfumfanges über die Altersnorm.

Veränderung der affektiven und kognitiven Funktionen.

Leistungsminderungen in der Schule, Störungen der Sensomotorik.

Komorbidität

Epilepsie und Migräne